Romantisches Gegenkonzept

Romantisches Gegenkonzept
Romantische Landschaft mit Schloss, Schutt und Hochspannungsleitung

Moderne Landschaftsfotografie spielt mit romantischem Landschaftsbegriff

Unter dem Titel „Romantisches Gegenkonzept“ zeigt Dagmar Tille anlässlich des Entdeckertags 2019 im Brinkhaus in Hodenhagen Teile ihrer gleichnamigen Fotoreihe. Der Titel bezieht sich auf das Konzept der Landschaftsdarstellungen in der Romantik, das sie in ihren Fotografien durch paradoxe Form-Analogien oder vollkommen unromantische Details wie Schutthalden oder Mastställe bricht.

Was wir heute unter Landschaft verstehen, ist ideengeschichtlich relativ jung. Das neuzeitliche Landschaftsverständnis entstand ab dem ausgehenden Mittelalter erst unter dem Eindruck der Landschaftsmalerei. Es war die Malerei, die die ästhetisch motivierte Wahrnehmung der Natur begründete. Gestaltete und idealisierte Darstellungen von Naturlandschaft – als einem eben gerade nicht von Menschen ästhetisch gestalteten Raum – boten Sehnsuchtsraum und Projektionsfläche gleichermaßen.

Die Landschaftsparks des 18. und 19. Jahrhunderts bildeten diese ästhetischen Vorstellungen als konkrete Ideallandschaften nach. Landschaft und das Ländlich-Rurale wird zu dem Raum, in dem man Ursprünglichkeit und Unverfälschtheit sucht. Dessen Vorstellung man romantisch verklärt. Landschaft wird zum Gegenpol des Städtischen. Romantik zum Gegenpol der Aufklärung. Die sich dem natürlichen Leben immer weiter entfremdende Gesellschaft sucht Erfüllung in romantisierenden Konzepten, Möglichkeiten des Rückzugs und der Regression.

Das gute Landschaftsbild negiert das Hässliche und füllt die offengelassenen blinden Stellen mit Projektionen, die oftmals tief in die psychologische Verfasstheit der Zeit blicken lassen. Die bedeutungsgeladenen Landschaftsbilder der Romantik spiegeln einen Hang zu Heroismus, erwachendes Nationalbewusstsein genauso wie narzisstische Selbstüberhöhung.

Auch unter dem Einfluss der Fotografie beginnt sich später das Diktat des Schönen und der Zwang zur ästhetischen Totalüberhöhung wieder zu lockern. Das was ist gerät stärker ins Blickfeld. Andererseits wird der künstlerische Blick freier und individueller. Das eigene Erleben und die künstlerische Impression gewinnen an Bedeutung.

Heute sollen Landschaften weitere Funktionen erfüllen. Landschaft wird zum Naturschutzgebiet, zum Naherholungsgebiet, zum Wirtschaftsfaktor Tourismus. In diesen Bereichen liegt eine Tendenz zur Idealisierung nahe.

Dennoch, so meint die Fotografin, erfordern diese unterschiedlichen Blickwinkel es vielmehr, unseren Landschaftsbegriff zu öffnen. Denn sollten wir in der Kunst Landschaftsdarstellungen und Landschaftsfotografie weiterhin allein auf das Schöne und Ewige hin überhöhen, oder sollten wir – einem erweiterten Landschafts- und Kunstbegriff folgend – auch Hässliches und Übergangszustände in unseren Landschaftsdarstellungen zulassen? Dagmar Tille beantwortet diese Frage in ihren Fotografien.

Denn was wir heute Landschaft nennen, reflektiert beides: den idealisierenden Sehnsuchtsraum und das komplexe Netz aus Mikrolandschaften, zwischen denen sich der moderne mobile Mensch in den Zeiten der Globalisierung hin- und herbewegt. In der Uneindeutigkeit bzw. der Ambivalenz der Empfindungen beim Betrachten der Landschaftsfotografien Tilles liegt ihre eigentliche Stärke.

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Poggenhagen - Foto: Dagmar Tille

ARTigkeiten auf dem Lande

Kulturgut Poggenhagen

Auf dem Kulturgut Poggenhagen, Gut Harms, 31535 Neustadt, sind vom 25. August bis zum 29. September drei über das Gelände verteilte Installationen sowie eine Fotodokumentation zu sehen. Die diesjährigen Projektwochen tragen den Titel „Stadt Land Spuren“. Anders als die Jahre davor sind nicht mehrere Künstler vertreten, sondern alle Arbeiten stammen von einem Künstlerduo (Buntrock/Nordiek).

Erste Installation: Instrumenta Hortica

Rote Schäufelchen krabbeln mit Drahtbeinen versehen von allen Seiten einen alten Turm hinauf. Es sind sehr viele Schäufelchen. Der Eindruck ist von allen Seiten ähnlich. Allein die Anzahl wirkt hier nicht als Multiplikator der Idee. Die Fotopräsentation bietet Informationen, was es mit diesen Schäufelchen wissenschaftlich auf sich habe (hö, hö).

Zweite Installation: Quader

Die zweite Installation findet sich an einem Ort im Wald. Hier wurde ein Betonplatte freigelegt und ein Stapel Totholz mit Hilfe von Draht zu einem Quader gebunden. Die überragenden Enden der Hölzer wurden bündig mit der jeweiligen Außenkante des Quaders abgesägt. Die Kanten bilden einen Bruch, durch den das Chaos des Inneren (chaotische Anordnung der Totholzstäbe im Raum) abrupt auf die geometrische Ordnung des Äußeren trifft und den dort endenden Raum durch gerade Schnittkanten markiert.

Ein wenig verloren wirkt dieser Quader im Wald. Das Lichtspiel der durch die Blätter fallenden Sonnenstrahlen und die hellen Sägeflächen an den Stirnseiten der Hölzer lösen die Quaderform optisch fast vollständig wieder auf. Es bleibt abzuwarten, wie sich der Eindruck ändert, wenn ein wenig Patina ihre Spuren hinterlassen hat.

Dritte Installation: Reuse

Nahe einer freien Uferstelle wurde in einem Teich eine Reuse aus Totholz errichtet. Durch die beindruckende Größe der Installation und die Wahl eines günstigen Standortes ergibt sich ein interessantes Bild. Die Spiegelungen auf der Wasseroberfläche ergänzen die Reuse zu einem Kreis. Wellen machen dieses Spiegelbild zu einer reizvoll verzehrten Ergänzung dieser Installation. Sehenswert!

Die Ausstellung kann vom 25.08. bis 29.09.2013 besucht werden. Die Installationen sind öffentlich zugänglich. Der Eintritt ist frei.

Weitere Termine:

  • 1.09.2013, ab 14.00 Uhr – Hofcafé mit selbst gebackenem Kuchen
  • 5.09.2013, Eröffnung einer Fotoausstellung der Künstler, Galerie Aschemann, Hannover
  • 21.09.2013, Blaue Stunde, 19:00 Uhr
Besucher vor Neuer Nationalgalerie

Thomas Demand in der Neuen Nationalgalerie

Nur ein Disney-Land kollektiver Bilderinnerung?
Ausstellung Nationalgalerie von Thomas Demand in der Neuen Nationalgalerie, Berlin

  1. September 2009 bis 17. Januar 2010

Ein Erinnerungssbericht
Ich verbringe einen diesigen Oktobertag in Berlin-Mitte, schlage Gratis-Berliner-Kartoffelsuppe aus und schwänze eine Konferenz. Mein Ausgangspunkt ist das Rote Rathaus, ich bin zu Fuß, habe den ganzen Tag Zeit und mache ich mich auf den Weg zur Neuen Nationalgalerie an der Potsdamer Straße.

Ein wenig gespannt bin ich wegen des Titels der Ausstellung „Nationalgalerie“ schon: Denn ich bin nicht nur im gleichen Land (Westdeutschland) sondern auch im gleichen Jahr geboren wie Thomas Demand. Wenn es also eine medial induzierte, kollektive (und wie der Titel insinuiert nationale) Sammlung erinnerter Bilder gibt, die sich aus Bildern speist, die aus der Bilderflut und der Zeit herausragen wie Treibgut aus strömendem Wasser, so könnte bei mir die Schnittmenge der Gemeinsamkeit mit Demand recht groß sein.

Einmal angekommen wird die Einstimmung auf deutsche Erinnerungswelten zunächst durch die am Einlass und in der Ausstellung mit strengem Ernst und wenig Wohlwollen über die Sicherheit wachenden Museumswärter bekräftigt, die mir, ebenso wie die labyrinthisch anmutenden, durch dunkelgraue Vorhänge abgehängten Kabinette, spontan Erinnerungen an meinen letzten deutsch-deutschen Grenzübertritt am Bahnhof Friedrichstraße wachrufen.

Im grauen Vorhanglabyrinth sind um die 40 überwiegend großormatig präsentierte Fotografien von Thomas Demand zu sehen. Sie zeigen papierne Nachbildungen realer Orte, die Schauplatz medial beachteter Ereignisse waren. Es ist eine Nachbildung anhand medialer Bilder: Was entsteht ist das Abbild eines Modells, ein Abbild nachgebauter mittelbarer Erinnerung. Das ist verwirrend und erhellend zugleich. Bin ich mir des Konstrukts einmal gewahr geworden, sehe ich auch die Reduktion, bemerke die fehlenden Details. Doch anders als bei Bildern der Erinnerung, in denen manche Details verblassen, andere aber umso lebhafter hervortreten, ist die Tilgung hier systematisch – es ist eine Inszenierung.

Nicht alle Bilder kann ich Ereignissen zuordnen. Bei den anderen verspüre ich nur den ungefähren Anflug eines Déjá-vus, der sich mit dem Eindruck nahezu perfekter Referenzlosigkeit mischt. Und alles, was ich darin erinnernd zu erkennen glaube, ist eine Projektion. War nicht das Bild, an das ich mich erinnere und das Herrn Barschel tot in der Badewanne zeigte, eine Schwarzweiß-Fotografie und das mir so authentisch erscheinende Kachelblau nebst Wannenvorleger entstammt einer Erinnerung an Tante Hildegards Badezimmer, – also einer Erinnerung an mein tatsächlich gelebtes Leben? Kann meine Erinnerung das eine vom anderen sicher unterscheiden? Sie kann es nicht. Außerdem verändert sie sich und ist manipulierbar.

Vermutlich ist das in gleichem oder in noch viel stärkerem Maße so, wenn es um das geht, was hier als kollektives Bildgedächtnis gelten soll. Denn, dass es sich bei den gezeigten Bildern tatsächlich um die Bilder handelt, denen im kollektiven Erinnern eine Schlüsselstellung zukäme ist zunächst einmal vor allem eines: eine Behauptung. Die Tatsache der idiosynkratischen Auswahl, der Inszenierung der Modelle und Fotografien, die uns Selektivität und Winkel unseres Blicks diktiert, ist im Zusammenspiel mit dem baulichen Rahmen und dem Titel der Ausstellung von geradezu atemberaubender Anmaßung.

Die Bilder werden ergänzt durch in Vitrinen präsentierte Texte von Botho Strauß, die laut Ausstellungsprospekt als Bildlegenden zu verstehen sind. Meine Rezeption der Texte bleibt aber bruchstückhaft, denn die Wärter umkreisen die Besucher, sobald sie sich den Vitrinen nähern, sofort misstrauisch und argusäugig, als befänden sich darin anstatt zeitgenössischer Druckerzeugnisse Reliquien der Grablegung Christi. Eigentlich ist mir somit schon an der ersten Station die Lust am Lesen vergangen. Aber so ganz möchte ich mich von den Umständen der Inszenierung nicht abhalten lassen, so dass ich wenigstens einige der Texte lese.

Von denen wiederum kann ich einige Passagen (auch mit größtem Wohlwollen) nach meinem politischen Koordinatensystem nur so weit rechts einordnen, dass es mit dem Begriff „nationalkonservativ“ nicht hinreichend treffend beschrieben wäre. Aus anderen tropft zäh als Quintessenz, den von den unschönen Details der Wirklichkeit gereinigten Modellen wohne mehr Wahrhaftigkeit inne, als der Realität. Jemand möge doch bitte die Leichen aus den Badewannen unseres kollektiven Bildgedächtnisses radieren.

Hier mag ich nicht mehr folgen. Barschel bleibt in der Wanne – basta.